Experten-Tipps – Die Macht der Farben über den Appetit

Leuchtend blaue Speisen im Meerjungfrauen-Look oder schwarze Lebensmittel:

Die aktuellen Food-Trends spielen mit der Farbe unseres Essens. Viel Wahres liegt im Sprichwort „Das Auge isst mit“, denn wir Menschen sind visuelle Wesen. Bereits unsere Vorfahren orientierten sich bei der Nahrungssuche an den Farbenvariationen der Natur. Und lernten so, welche Produkte genießbar sind und welche sie lieber meiden sollten.

Doch nicht alle Farben können jeden gleichermaßen begeistern: Leuchtend blaues „Schlumpf-Eis“ beispielsweise wird hauptsächlich von Kindern heiß geliebt. Als Erwachsene haben wir hingegen gelernt, dass es von Natur aus eben keine Lebensmittel mit dieser intensiven blauen Färbung gibt. Wir sprachen mit Ernähngsexpertin Christina Wiedemann.

Wie beeinflussen Farben unseren Appetit?

In vielen Tests haben Forscher herausgefunden, dass wir mit bestimmten Farben offenbar automatisch bestimmte Geschmacksrichtungen verbinden. Unser Geschmackssinn richtet sich wohl wesentlich am Aussehen von Speisen und Getränken aus. Was gut aussieht, schmeckt uns auch besser! Noch vor dem Essen weckt der visuelle Eindruck eine Geschmackserwartung: Attraktive Produkte vermitteln Qualität, ein satter Farbton verspricht Frische und Geschmack.

Wie wirken verschiedene Farben auf uns? 

Warme Farben wie Rot, Orange, Gelb oder Braun regen den Appetit an, kalte Farben wie Blau, Schwarz und Lila dämpfen ihn – unter anderem weil wir gelernt haben, dass sie bei verschimmelter oder verdorbener Nahrung vorkommen. Trotzdem gibt es auch Liebhaber der blaugrünen und violetten Farbpalette wie bei Oliven, Pflaumen, Auberginen, Blaubeeren oder dunklen Weintrauben. Die Assoziationen mit Farben bilden sich beim Menschen früh aus. Grundsätzlich eignen wir uns im Laufe des Lebens Verknüpfungen zwischen Farbe und Geschmack an. 

So wird die Farbe Rot häufig mit reifen Früchten und Süße assoziiert. Grün und Gelb verbinden wir eher mit säuerlichem Geschmack. Bei Blau wird es schwierig, da nur wenige Lebensmittel eine natürliche Färbung aufweisen. Bereits von klein auf lernen wir, die Reife und den Zustand eines Nahrungsmittels anhand seiner Farbe zu beurteilen. Welche Speisen und Getränke wir letztlich aber mögen, hängt auch von Familie und Kultur ab. Während ihrer Entwicklung erleben Kinder oft verschiedene Farbphasen, sie sind besonders offen für buntes Essen.

Kann Farbe die Wahrnehmung beeinflussen?

Unsere Geschmackserwartungen lassen sich durchaus manipulieren. Versuche zeigen, dass die wahrgenommene Intensität eines Geschmacks durch die Farbe beeinflusst werden kann. Je kräftiger das Rot eines Safts war, desto stärker wurde das Aroma von reifen Früchten und die Süße empfunden. Zum gleichen Ergebnis kam man beim Verkosten von Naturjoghurt, der mit geschmacksneutraler roter Farbe eingefärbt als Erdbeerjoghurt eingeschätzt wurde. 

In einem anderen Versuch konnte das Aroma eines Orangengetränks zu 80 Prozent richtig erkannt werden, wenn es die typische Farbe besaß. War es hingegen farblos oder anders gefärbt, so sank die korrekte Zuordnung des Geschmacks auf nur noch 30 Prozent. Bei der Vermarktung von Lebensmitteln nutzen Hersteller unsere Erwartungen gezielt: So werden viele Produkte mit künstlichen Farben versehen, um mehr Aroma vorzutäuschen. Außerdem werden Speisen bevorzugt in roter, gelber oder oranger Verpackung präsentiert, um die Kauflust zu wecken. Und Lebensmittel wie Gemüse, Obst und Fleisch werden mit einer farbigen Beleuchtung im wahrsten Wortsinne „ins rechte Licht“ gerückt.

Sind Farben auch Trendsetter?

Die Farbe spielt somit eine Schlüsselrolle bei der Speisenauswahl, weil sie Assoziationen weckt. Auch Food- und Gesundheitstrends können Farbpräferenzen einen neuen Stellenwert geben. Grüne Smoothies gelten als gesund, da sie einen hohen Anteil des Pflanzenfarbstoffs Chlorophyll aufweisen. 

Das Blattgrün hat eine zellschützende Wirkung und lässt daher viele ihre Abneigung gegenüber dieser Farbe überwinden. Gleiches gilt für Lebensmittel mit dunkler Farbe wie Auberginen, Rote Bete, Oliven, Acai- oder Holunderbeeren. Violettes Obst und Gemüse liefern reichlich sekundäre Pflanzenstoffe wie Anthocyane, die unsere Zellen vor Alterung schützen.

Inzwischen haben wir gelernt, diese Nahrungsmittel als gesund und genießbar einzuschätzen und unseren Speiseplan damit zu bereichern. Denn eine bunte Farbpalette an abwechslungsreichen Obst- und Gemüsesorten liefert vielfältige Farb- und Schutzstoffe, die so genannten Antioxidantien, die unsere Gesundheit auf unterschiedliche Weise unterstützt und stärkt.

Christina Wiedemann ist Diplom-Ökotrophologin und Autorin von mehreren Ernährungsratgebern und Kochbüchern. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den verschiedenen Aspekten von Ernährung – auch auf ihrem Blog www.mehrlebensqualitaet.com.